Palliative Arbeit

Dialog zu den künstlerischen Therapien auf der Palliativstation in Konstanz

Gemeinsamer Vortrag am Palliativtag Januar 2014 in Radolfzell

Ich bin Sara Mory, selbständige Kunsttherapeutin mit Honorarstellen im Krebszentrum sowie der Palliativen Pflege und der Klinik für Kinder und Jugendliche Singen an der Bodensee-Hegau-Hochrein-Klinik, sowie in geriatischen Einrichtungen und im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Ich bin Markus Löhr, Musiktherapeut an der Bodensee-Hegau-Hochrein-Klinik und am Zentrum für Psychiatrie Reichenau.
Wir möchten Ihnen in Form eines Gesprächs unter Fach-Kollegen von unserer Arbeit berichten, wobei wir vom Konkreten zum Abstrakten vorgehen – zuerst, was wir konkret am Krankenbett der Palliativstation machen, warum wir das machen, welche Konzeption dahinter steckt.

In Kunsttherapie mit Palliativpatienten begegne ich Menschen, die hohe körperliche, seelische und auch geistige oder sagen wir gedankliche Belastungen erleben.
Darum möchte ich diesen Patienten achtsam begegnen in dem ich mich zunächst bei Ärzten und Schwestern über den aktuellen Zustand informiere und behutsam in Kontakt gehe.
Ich stelle mich den Patienten vor und erzähle über mein kleines „rollendes Atelier“. Die Patienten reagieren ganz unterschiedlich, spontan begeistert und sofort bereit etwas zu malen, dann gibt’s die erst mal Zögernden, mit denen ich behutsam herausfinde, was sie sich zutrauen. Das kann dann auch ein dialogisches Arbeiten sein, ich beginne und der Patient steigt mit ein. Bis hin zu sehr geschwächten Menschen, die sich sehr freuen wenn ich ihnen anbiete für sie ein Wunschbild quasi als Auftragswerk zu malen.
Mein „ Handwerkszeug“ für diese Arbeit sind außer dem künstlerischen- mein, Sehen, hören und spüren, wer mein Gegenüber ist und was jetzt gerade gut und richtig für ihn ist und eine grundsätzlich, liebevolle Haltung des: “du bist ok so wie du jetzt gerade bist.“

Wie arbeitest du auf der Palliativstation? Und was ist dir wichtig?

Oft singen wir gemeinsam, Patient, Angehörige, Besucher – Lieder, die aus dem Leben sprechen (Wanderlieder, Jahreszeitenlieder, Abschiedslieder, etc.).
Hin und wieder gelingt es mir, den Patienten dazu zu bringen, selbst zu spielen, zu improvisieren, auf meiner rhythmischen und klanglichen Basis.
Selten hören wir gemeinsam ein Stück von CD, lassen die Musik, die von der Lebenswelt des Patienten sprechen, auf uns wirken.
Manchmal komme jedoch ich in ein Zimmer und erhalte auf meine Frage, ob ich hereinkommen darf, ein klares Nein. Meine Anwesenheit wird nicht gewünscht. Aber die Musik, die darf erwünscht sein, so dass ich im Flur sitze und dort musiziere, die Klänge tragen sich hinein in die Räume.
Zentrale Methode ist das Hinhören auf das, was im Moment wichtig ist. Aus dem Hören entsteht zumeist ein Gespräch, ein Begegnen, eine Gestaltung der Beziehung.
              

Aus der Psychotherapie, v.a. der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie nach Rogers wissen wir um die Heilkraft positiver Beziehungsgestaltung.
In den Kreativtherapien erweitert sich die Beziehung zwischen Patient und Therapeut um eine dritte Komponente – die der Medien Musik und Kunst.
Ich denke, ich kann da auch für dich sprechen, wenn ich das therapeutische Wirken unserer Arbeit als Begleitung beschreibe, sei es im musikalischen Begleiten durch das Mitspielen, durch ein klangliches Begleiten in einer bestimmten Lebenssituation, oder als musikalischer Hilfesteller, der Stimmungen und Gefühle hörbar, erfahrbar und damit oft erst bearbeitbar macht.

Worin begleitest Du?

Ja ich würde aber gerne die aktive Begleitung betonen. Darum nenne ich mich oft Beraterin oder Assistentin denn ich helfe im beratenden Gespräch bei der Wahl des Materials z.B. Pastellkreiden, unterstütze die Themenfindung oder den Wunsch etwas Erlebtes auszudrücken mit vielen Nachfragen oder arbeite praktisch mit. Begleitung ist bei mir auch eher ein Frage Antwort Spiel, während du ja gleichzeitig begleitend unterstützen kannst.
Denn wir können gleichzeitig Musik spielen und hören aber nicht so gut selbst malen und betrachten. Ich würde sogar sagen du kannst den Patienten auch tragen während ich ihn eher locke und später bestätige.
Wieder gemeinsam ist uns beiden denke ich, unser Wunsch,
- dass die Patienten auf spielerische Weise selbstbestimmt gestalten, und sei es ein Bild das in der Phantasie entsteht oder eine Lied das Erinnerungsbilder wachruft( passt das?)
- dass die Patienten aktiv entspannen können oder durch die Konzentration auf das Tun im Jetzt Abstand vom Vorher und Nachher nehmen können und
- dass eine achtsame, Beziehung auf Augenhöhe entsteht in der wir Begleiter, Impulsgeber eines Therapieweges sind. Ob es eine Entwicklung, Wandlung oder kleine Bewegung ist, bestimmt der Patient.

Insofern sind wir als Kreativtherapeuten eine komplementäre Therapie-Form, die sich an den Ressourcen des Patienten orientiert, die die Defizite des Patienten zwar nicht ausblendet, aber mehr im Patienten sieht, als nur der „Kranke“ oder „Sterbende“, oder gar die rein physische Betrachtung.

Damit verstehen wir uns als Bereicherung des klinischen Settings, als Vervollständigung der Begleitung des Patienten an seinem Lebensabend, die es Ermöglichen, dass auch der Patient sich selbst als Ganzes wahrnimmt.

 

                                       

(27.01.13)